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Vipassana bei Wikipedia

Vipassanā (Pali) ist eine buddhistische Meditationsform, die von ihren Vertretern auf die Quellen zurückgeführt wird, die als die ältesten vollständig überlieferten Redensammlungen des historischen Buddha gelten. Diese Reden finden sich im Pali-Kanon des frühen Buddhismus Theravāda (Südostasien, Sri Lanka). [1] Vipassanā wird meist mit „Achtsamkeitspraxis“ oder „Einsichtsmeditation“ übersetzt. Zweck dieser Meditationsform ist das zunehmende Erkennen der „Höchsten Realität“ oder „Wahrheit“ (paramattha-sacca), was nach buddhistischem Verständnis letztlich zur vollkommenen Überwindung von Leiden (dukkha) und damit zum Zustand des Nirvāna (Sanskrit; im Pali: Nibbāna) führt. Vipassanā wird heute auch als Sammelbegriff für die frühbuddhistischen Praxismethoden und die sie vermittelnden Traditionen verwendet, in deren Zentrum die systematische Entwicklung von Achtsamkeit steht. Im Westen bekannte Vipassanā-Lehrer sind u.a. Mahasi Sayadaw, Ajahn Chah, Jack Kornfield, Bhante Sujiva und S. N. Goenka. Es gibt heute vier Hauptansätze der Achtsamkeits- oder Einsichtspraxis Vipassanā, die in weltweiter Hinsicht den größten Einfluss haben. Es handelt sich um zwei „technische“ Methoden aus Burma (Hauptvertreter U Ba Khin bzw. Mahasi Sayadaw) und zwei „natürliche“ Ansätze aus Thailand (Hauptvertreter Ajahn Chah bzw. Ajahn Buddhadāsa).[2] Außerhalb eines buddhistischen Kontextes werden Elemente von Vipassanā beispielsweise innerhalb des komplementärmedizinischen Behandlungsprogramms MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) eingesetzt.

Etymologie

Vipassanā ist ein Pali-Wort, das sich aus dem Sanskrit-Präfix „vi-“ und der Verbalwurzel √paś für „sehen“ herleitet. Es wird häufig mit „Einsicht“, „Klarblick“ oder „Klarsicht“ übersetzt. Das Präfix „vi-“ bedeutet in erster Linie „zwei Teile“ oder eine Bewegung „weg“ von etwas anderem. Dementsprechende Präfixe im Deutschen sind „auseinander-“ oder „ent-“. Wörtlich ist mit „Vipassanā“ (im Unterschied zu der in esoterischen oder synkretistischen Kreisen verbreiteten Hochbewertung von „Einheit“, das heißt dem Denken in der Kategorie „alles ist letztlich eins“) eine bestimmte Art des „Auseinander-Sehens“ gemeint, nämlich ein intuitiv unterscheidendes, tiefer durchschauendes und damit von Illusionen befreiendes „Sehen“ im Sinne eines unmittelbaren Erfassens.

Das entspricht auch der anderen Bedeutung von „vi-“, die eine „intensive“ Qualität des Unterscheidens ist. Vipassanā meint also eine besondere Art des Tiefblickens, das direkt, ungetrübt oder wahrheitsgemäß alle inneren und äußeren Vorgänge erfasst. Mit jenen „zwei Teilen“ von „vi-“ sind die Illusion oder Falschheit und die Realität oder Wahrheit gemeint. So bedeutet Vi-Passanā ein höheres Sehen, das mit Hilfe der intuitiven Unterscheidung der Achtsamkeit zunehmend jede Illusion, Manipulation oder Verblendung durchschaut und damit die jeweilige Realität oder Wahrheit direkt erfasst. Es heißt, wenn diese Unterscheidung fortwährend kultiviert werde, führe sie zur vollen Befreiung des Nirvāna, dem höchsten Ziel der Vipassanā-Praxis in allen ihren Formen. [3]

Zwei weitere Hauptbegriffe im Zusammenhang mit Vipassanā sind „Anu-Passanā“ und „pati-sam-vedī“, die in den grundlegenden Achtsamkeitsreden des Buddha immer wieder vorkommen. Mit Anupassanā (das Präfix anu- bedeutet „entlang“, „eng anliegend“, „unmittelbar“ und Passanā „Sehen“) ist ein konzeptfreies, unmittelbares bzw. achtsames Begleiten aller körperlichen oder geistigen Prozesse gemeint, ein „unmittelbares Betrachten“, um zum befreienden Sehen zu kommen. Pati-sam-vedī bedeutet wörtlich „voll er-spürend“ und meint damit also auch wieder ein direktes, nahtloses Empfinden im Einklang mit den realen Prozessen, wie sie sind, nicht wie wir sie in der Vorstellung gerne hätten.

Ziel

Die Traditionen des Vipassanā mit ihren unterschiedlichen methodischen Ansätzen[4] dienen alle der Entwicklung einer höheren, sogenannten „Trefflichen Achtsamkeit“ (sammā sati)[5], die über die bloße Konzentrationsfunktion von Aufmerksamkeit hinausgeht. Bei der Praxis dieser „Trefflichen Achtsamkeit“ geht es um das zunehmende Durchdringen oder „befreiende Sehen“ der über die sinnliche Erfahrung zwar immer und überall gegebenen, aber gewöhnlich durch Verblendungen bzw. „Nichtsehen“ (avijjā) verborgenen „Wahrheit“, „Höchsten Realität“ oder „Natur der Dinge“.

Im Vipassanā ist der alleinige Schlüssel zu der „Höchsten Realität“ eine schlichte, jederzeit entwickelbare Achtsamkeit, nicht Konzepte oder Studien, die hier immer bloß eine vorbereitende Funktion haben. Gemäß einem dem historischen Buddha zugeschriebenen Zitat aus den alten Quellen wird im Vipassanā generell der „Direkte Weg“ (ekāyana magga)[6]) zu den befreienden Einsichten betont. Er beruht auf einer methodisch entwickelten bloßen Achtsamkeit, die weder über systematische Studien noch über starke Konzentrationszustände („Vertiefungen“ oder Jhānas) führt, sondern (als Betrachten der natürlichen Phänomene) unmittelbar vorgeht.
Dhammahalle des Vipassanā-Meditationszentrums in Prachenburi, Thailand (Goenka-Tradition)

„Vipassanā“ wird gewöhnlich mit „Achtsamkeitspraxis“ oder „Einsichtsmeditation“ wiedergegeben. Der Entwicklungsprozess der Einsicht verläuft meist in Stufen. Deshalb gibt es in manchen einflussreichen Richtungen des Vipassanā die Lehre von den aufeinander aufbauenden Ebenen des „Einsichtswissens“, den sogenannten „Vipassanā-Nyānas“. Der Zweck des traditionellen Vipassanā in allen seinen Formen ist eine ungetrübte, durchdringende Klare Sicht, ein über diskursives Denken hinausgegangenes, unmittelbares Erfassen der vergänglichen, ungenügenden bzw. „Selbst“-losen Natur der Erscheinungen − nämlich der sinnlich wahrgenommenen Phänomene und der Körperempfindungen, Gefühlsreaktionen, Emotionen oder Gedanken. Mit diesem unmittelbaren Erfassen soll das unbewusste Ergreifen bzw. Sichidentifizieren mit den vergänglichen Phänomenen als „Ich (bin das)“ oder „mein“ und damit alle Ängste und Leiden schwinden. In der größten modernen Tradition, nämlich im „Körperhineinkommen“ oder „Body Sweeping“ nach S.N. Goenka[7], wird das Vipassanā kurz resümiert mit „die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“ (eine wiederholte Aussage Goenkas bei den Zehntageskursen).

Die Voraussetzung für einen erfolgreichen Fortschritt in der Vipassanā-Meditation ist immer auch die Entwicklung der „Herzqualitäten“, das heißt von Ethik – insbesondere die Praxis der „Fünf Verhaltensrichtlinien“ (Silas).[8]

Abgrenzung von glaubensreligiösen Ansätzen

Das Vipassanā[9] steht in dem Ruf, von kulturbedingten Formen weitgehend frei zu sein, indem es sich darauf beschränkt, die essenziellen Praxismethoden des frühen Buddhismus und die sie erläuternden Hintergrundlehren zu vermitteln. Es ist vergleichsweise stark diesseitsorientiert, weil es in dieser Tradition immer um ein möglichst hohes Maß von Befreiung in diesem Leben bzw. die dementsprechenden Methoden und Lehren geht. Darin unterscheidet sich das Vipassanā von einer jenseitsorientierten Glaubensreligion. Darin unterscheidet es sich ebenfalls von vorbuddhistischen und manchen buddhistischen Glaubensvorstellungen, die in den Ursprungsländern vorhanden sind.

Die grundsätzliche Vipassanā-Methodik der systematischen Bewusstwerdung der natürlichen Gegebenheiten, das heißt der fortwährend entstehenden und vergehenden Phänomene (im Unterschied zu den vom Geiste gemachten, konzeptuellen, lediglich vor-gestellten und damit relativ „statischen“ Gegebenheiten), findet Eingang in unterschiedliche moderne Zusammenhänge – zum Beispiel in Achtsamkeitstherapien, neue psychologische Theorien, esoterische Strömungen oder ein an innerer Praxis orientiertes, reformiertes modernes Christentum.

Abgrenzung zu Samatha

In den Praxistraditionen des Vipassanā wird nicht ähnlich stark unterschieden zwischen der konzentrativen „Ruhemeditation“ Samatha und der kognitiven oder perzeptiven „Einsichtsmeditation“ Vipassanā, die zur inneren Befreiung des Nirvāna führt, wie es im Mahāyāna-Buddhismus der Fall ist. Generell vertreten die Lehrenden des Vipassanā auf ihren Kursen oder mit ihren Schriften die Ansicht, dass ein bestimmtes „flexibles“ Maß an Konzentration, das sich mit der fortwährenden Fokussierung auf die natürlichen Körper-Geist-Prozesse einstellt − nämlich die sogenannte „Augenblickliche Konzentration“ −, die beste Grundlage sei, um die befreienden, höheren Einsichten zu verwirklichen.

Wenn die Konzentration durch die Fokussierung auf ein naturgemäß „statisches“ Konzept bzw. geistiges Konstrukt (wie Visualisierungen, innere Laute, Vorstellungen, Gedanken oder Reflexionen) zu stark werde, behindere sie die befreienden intuitiven Einsichten. Denn diese könnten sich lediglich aus einem zunehmenden Durchdringen der natürlichen, überall gegebenen Realitäten oder Prozesse durch sehende Achtsamkeit auf der Grundlage einer flexiblen, das heißt nicht zu starken oder statischen Konzentration ergeben. Die vier Hauptansätze des Vipassanā [10] folgen diesem Weg, den auch bekannte einzelne Lehrende vertreten, die verschiedene Hauptansätze verbinden (etwa der Mönch Bhante Sujiva).

Wenn der Weg zu den befreienden Einsichten über die statischen Ruhe- bzw. Konzentrationszustände der Vertiefungen "Jhānas" genommen werde, was prinzipiell möglich sei, müsse man erst aus den Vertiefungen herauskommen und die mit ihnen verbundenen Faktoren oder Erscheinungen als gleichermaßen vergänglich, ungenügend bzw. als ein Nicht-Selbst wie alle anderen Phänomene auch durchschauen. Die zentrale, von den Vertretern dieses Vipassanā-Weges über die Vertiefungen häufig zitierte Rede ist das Anupada-Sutta der Mittleren Sammlung (Rede 111) der Reden des historischen Buddha im Pali-Kanon.

Bekannte Repräsentanten dieses Weges in Asien sind der burmesische Meister Pa Auk Sayadaw und im Westen (vor allem in Deutschland) die Lehrenden in der Tradition der deutschen Nonne Ayya Khema sowie einzelne Mönche wie der tschechische Bhikkhu Dhammadipa (ein Schüler Pa Auk Sayadaws).