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persönliche Erfahrungen

Barbara Seefelder

Vipassana-Kurs

10 Tage, täglich 10 Stunden sitzen und schweigen. Wann im Leben hat man schon die Gelegenheit, so zu sich selbst zu kommen, so viele Gedanken ungestört zu Ende zu denken, so viel ins Reine zu kriegen?
10 Tage lang nicht erreichbar sein…

Am stärksten war in jedem Kurs für mich der Moment am zehnten Tag, bei der Metta-Meditation. Die geht mir durch und durch, so viel Gänsehaut hab ich kaum sonst. Da fließen schon auch mal Tränen, da ist so viel: Freude und Liebe und Demut und Rundum-satt.

Während des Kurses hält man sich an gewisse Regeln, man sollte es tun! Und eigentlich sind die meisten „ganz normale“ Regeln, die man auch im Alltag beachten sollte:
kein lebendes Wesen töten
nicht stehlen
keine sexuelle Aktivität
nicht lügen
keine Rauschmittel, auch kein Tabak und kein Alkohol
edles Schweigen

Die Reaktion vieler, mit denen man sich (auch über diese Regeln) unterhält, betrifft das Schweigen. „Das kann ich nicht, das halte ich nicht aus“ – diese Sätze hört man immer wieder. Nicht zu sprechen ist sehr einfach. Und sehr wohltuend. Die Stille ist so friedlich. Manchmal feierlich. Man wird nicht bewertet, hört keine Kritik. Natürlich auch kein Lob, aber das kommt ja alles später wieder. Man wird sich bewusst, wie viel unnötiges Geschwätz einen tagtäglich verfolgt, wie viel sinnloses Gerede man selbst veranstaltet. Wie leer und nichtssagend doch vieles ist, was wir unnötigerweise von uns geben.

Teilweise hat man natürlich wilde und auch nicht so liebevolle Gedanken – aber man spricht nichts aus. Und weil man auch Blickkontakt vermeiden soll, wird man in diesen 10Tagen auch niemand verletzen. Nicht mit Worten, nicht mit Blicken, nicht mit Taten.

Während dieser zehn Tage herrscht auch strenge Trennung der Geschlechter: Männer und Frauen schlafen in getrennten Gebäuden, essen in getrennten Speisesälen, gehen auf abgegrenzten „eigenen“ Gehbereichen. In der Meditationshalle sitzen die Männer links, die Frauen rechts, dazwischen ist ein breiter Gang. Auch das ist schön: 10 Tage kein Make-up, 10 Tage keine Frage „was ziehe ich an?“, 10 Tage keine Konkurrenz…

Man weiß ja eigentlich um die Regeln, denn in jeder Informationsbroschüre und in jedem Anmeldeformular steht darüber. Man weiß vielleicht doch nicht so recht, worauf man sich letztendlich nun einlässt - einlassen muss: auf eine Begegnung mit sich selbst. In jedem Kurs habe ich erlebt, dass zwischen dem 4. und 7. Tag Menschen aufhören, gehen. Es mag viele verschiedene Anlässe dafür geben. Einer ist vielleicht eben auch dieses Einlassen auf sich selbst. Diese Konfrontation mit sich selbst.

An den ersten drei Tagen
wird „nur“ die Atembeobachtung geübt. Das klingt sehr einfach. Man soll sich nur auf den Atem konzentrieren, der über die Fläche unter den Nasenlöchern streicht, der in der Nase zu fühlen ist, nichts anderes. Nicht steuern, nicht den Atem führen. Nur die reine Tatsache des Atems beobachten. Und da zeigt es sich bereits, wie schwer das ist! Anstatt den Atem zu beobachten, anstatt in Gedanken nur bei seinem Atem zu sein, ist der Geist ununterbrochen unterwegs.

„da sitze ich hier und zuhause häuft sich die Arbeit“ ….
„was bewegt meinen Bruder dazu, so zu handeln wie er es tut?“……
„ich habe vergessen, eine mail wegzuschicken“….
“warum tut mir der Hintern weh?“…..
“hoffentlich vergisst Klaus nicht wieder, die Blumen zu gießen“….
„ob ihm das mit der Wäsche nicht zuviel wird?“…….
“ich hätte vielleicht doch nachsichtiger mit meiner Mutter sein sollen“……

Ich denke über die letzten Lebenstage und –Minuten meiner Mutter nach, über ihr Sterben. Was hat sie bewegt? Wie hat sie ihr Leben empfunden? Was habe ich versäumt? Was hätte ich besser machen können? Zwei Tage lang denke ich immer wieder über solche Dinge nach, dann bin ich soweit: ich schiebe meine Mutter in Gedanken wie eine Gardine beiseite, liebevoll, und sage ihr, dass das jetzt alles vorbei ist, dass es hier weitergeht, und dass alles gut ist so. Und damit ist es auch gut. Am nächsten Tag mache ich Pläne: wie soll das Wohnzimmer renoviert werden? Schreibe ich einen Bericht in unsere Webseite?

Am 4. Tag ist Vipassana-Tag.
Nun sollen wir lernen, Empfindungen auf dem ganzen Körper, Stück für Stück, zu beachten. Nicht darauf zu reagieren, nur wahrnehmen. Und dies wird die nächsten Tage vertieft, subtiler und entschlossener. Ach ja, und gleichzeitig gibt es das „Sitzen mit großer Entschlossenheit“. Täglich während der drei einstündigen Gruppensitzungen soll man die zu Beginn der Stunde gewählte Haltung nicht verändern. Während der Stunde, in der dieses „entschlossene Sitzen“ erstmals praktiziert wird, muß ich jedes Mal grinsen. In den bisherigen Stunden ging so etwa nach 30 Minuten eine Rutscherei los. Fast jeder versuchte, seine Sitzposition zu verändern. Und nun? Ruhe! Niemand rutscht, oder wenn, dann nur so leise, dass man es kaum wahrnimmt. Es geht doch! Sogar bei mir! Auch wenn man immer wieder mal das Gefühl hat, nie mehr aufstehen, nie mehr gehen zu können: diese Übung in Disziplin ist sehr wohltuend. Denn man WEISS ja, dass die ersten Schritte zwar weh tun, aber dann ist alles wie immer. Man hält es aus! Wie man so vieles im Leben aushalten muß, so auch dieses. Und deshalb gefällt mir diese Übung „eigentlich“ ganz gut, was nicht heißt, dass ich während so mancher Stunde „entschlossenem Sitzen“ nicht eben die allerliebsten Gedanken hege…

Am 10. Tag
ist nach der Gruppensitzung Metta-Meditation. Bisher war man nur mit sich selbst und seinen Empfindungen beschäftigt, nun versucht man, allumfassende, selbstlose Liebe und Wohlwollen zu fühlen und diese nicht nur für sich zu geben, sondern an alle Wesen. Eine sehr anrührende Stunde, nicht selten mit Tränen der Meditierenden. Nach dieser Stunde darf wieder gesprochen werden, „edles Schnattern“.

Viele bleiben erstmal in der Halle sitzen, schweigend, nachdenklich, vielleicht weinend. Abschied nehmend von dieser Ruhe, diesem Frieden. Es geht mir eigentlich immer zu schnell: wenn man jetzt in den Speisesaal geht, dann schnattern und lachen die Frauen miteinander. Alles ist so laut, so ungewohnt.

Diese 10 Tage der „Entschleunigung“ tun mir immer gut. Während der ersten Tage hadere ich mit mir, dass ich „rumhocke“ und nichts tue. Aber diese Zeit braucht man, um runterzukommen und loszulassen.

Am 11. Tag
fährt man nach Hause, und man ist sehr schnell wieder zurück im normalen Leben. Aber weg gewesen zu sein, das hilft. Immer wieder, in vielen Situationen.

Ich kann sagen, dass ich Situationen, die mich vor 4 Jahren aus der Fassung gebracht haben, wütend gemacht haben, heute ganz anders betrachte und angehe. Ich habe nicht mein Wesen verändert, aber ich lebe entspannter und bewusster. Ich kann besser unterscheiden, was wichtig und was unwichtig ist. Ich lasse mich nicht mehr verrückt machen und nicht mehr hetzen. Ich betrachte Menschen liebevoller und doch auch verständnisvoller. Und ich glaube, ich bin ehrlicher geworden, direkter.

Wer sich näher informieren möchte:
http://www.dvara.dhamma.org (Deutschland)
http://www.pajjota.dhamma.org (Belgien)